Musik spielt im Leben vieler Menschen eine große Rolle. Sie bewegt uns auf ganz unterschiedlichste Art und Weise und berührt uns auf vielen Ebenen. Musik löst Emotionen aus, beeinflusst die Laune, weckt Erinnerungen und bringt uns zusammen. Sie fördert die geistige und soziale Entwicklung, kann Schmerzen lindern und sogar bei psychischen Problemen helfen.

In der Neurowissenschaft und Psychologie wird viel zu diesem Thema geforscht. Und obwohl es viele Studien gibt, die unterschuchen, wie Musik auf uns Menschen wirkt, ist es schwer exakte Aussagen darüber zu treffen. Wie Musik auf uns wirkt ist von vielen verschiedene Faktoren abhängig, zum Beispiel vom Kontext, in dem wir die Musik hören, den Menschen, mit denen wir sie hören, von unserer Stimmung und sogar der Uhrzeit. So viele unterschiedliche Einflussfaktoren machen die Forschung nicht gerade leicht.
Wie das Gehirn Musik verarbeitet
Musik besteht aus Schallwellen, die über die Luft an die Ohrmuschel und dann in den Gehörgang weitergeleitet werden. Von dort gelangen die Schallwellen zum Trommelfell, welches zu schwingen beginnt und dadurch die Gehörknöchelchen Hammer, Amboss und Steigbügel zum vibrieren bringt. So gelangen die Schwingungen ins Innenohr mit der Cochlea (Hörschnecke), wo winzige Haarzellen sitzen. Unterschiedliche Haarzellen reagieren auf unterschiedliche Tonhöhen und- frequenzen und wandeln die Schallwellen in elektrische Impulse um. Anschließend werden diese Informationen über den Hörnerv zur Hörrinde ins Gehirn weitergeleitet, wo das Gehörte ans Bewusstsein vermittelt wird. Im Gehirn befindet sich unter anderem der auditive Cortex, der verantwortlich dafür ist, die grundlegenden Musik- und Tonmerkmale zu erkennen, wie Lautstärke, Tonlänge oder in welcher Frequenz der Ton klingt.
An der Verarbeitung von Musik sind aber noch viele weitere Regionen im Gehirn beteiligt. “Es gibt nicht ‘ein’ Musikzentrum“, sagt der Psychologe, Neuro- und Musikwissenschaftler Prof. Stefan Kölsch von der University of Bergen (Norwegen). Vielmehr spreche Musik die allermeisten Hirnstrukturen an. Es reagieren sowohl Regionen im Kleinhirn, das Körperbewegungen und den Gleichgewichtssinn kontrolliert, im Großhirn, das für höhere Funktionen des Bewusstseins zuständig ist, als auch das limbischen System, wo Emotionen entstehen.
Früher gab es die Vorstellung, dass sich die Gehirnhälften viele Dinge aufteilen: Links logisches Denken, rechts Kreatives. Mittlerweile ist aber klar, dass es deutlich komplizierter ist. Zumal Logik für Kreativität eine wichtige Rolle spielt und umgekehrt. Zum Musikhören muss das Gehirn viele verschiedene Aspekte verarbeiten. Es gibt Bereiche, die Harmonie, Rhythmus und Intervalle wahrnehmen. Andere, die auf die Aufmerksamkeit und das Arbeitsgedächtnis spezialisiert sind, ordnen die Musik zeitlich ein. Aus diesem Grund kann man nicht klar abgrenzen, welche Gehirnhälfte für die Musik zuständig ist. Über das ganze Gehirn verteilte Regionen spielen eine wichtige Rolle.
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Musizieren begünstigt die Synapsen-Verbindungen
Es ist erwiesen, dass durch Musik, besonders aber durch das eigene Musizieren Neuvernetzungen der Nervenzellen im Gehirn gebildet werden. Diese bleiben dem Menschen ein Leben lang erhalten. Bei Profimusikern wirkt sich das intensive Musizieren folgender Maßen auf ihre Hirnstruktur aus: Der Balken, das sogenannte Corpus Callosum, das beide Gehirnhälften miteinander verbindet und die Koordination und Interaktion bewirkt, ist bei ihnen deutlich stabiler ausgeprägt. Vergleicht man zudem die Gehirne von Menschen, die kein Instrument spielen, mit den Gehirnen von langjährigen Musikern, zeigt sich, dass musikalisch aktive Personen in Regionen für die Motorik, die Hörverarbeitung und die räumlich-visuelle Verarbeitung mehr Nervenzellen haben. Und auch funktionell scheinen diese Bereiche bei ihnen effizienter zu funktionieren als bei Leuten, die kein Instrument spielen.
Manche Studien vergleichen Menschen, die ein Instrument spielen mit Menschen, die kein Instrument spielen mithilfe von kognitiven Aufgaben, um zu sehen, ob die Hirnveränderungen einen echten Einfluss auf den Alltag haben. Laut diesen Studien, können Musizierende sich häufig besser an Wörter erinnern, sich räumlich-visuell geschickter orientieren und sind feinmotorisch geschickter.
Musik und Emotionen
Ob beim Joggen, Kochen, Autofahren, Feiern oder im Alltag – Musik ist unser ständiger Begleiter und nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Musikhören tut eben einfach gut!
Dass Musik einen starken Effekt auf unsere Psyche und verschiedene psychische Prozesse haben kann, weiß auch Prof. Dr. Clemens Wöllner, Professor für Systematische Musikwissenschaft an der Universität Hamburg: „Die wohl stärkste psychische Wirkung von Musik ist ihr Einfluss auf unsere Emotionen. Das ist für viele Menschen sogar einer der Hauptgründe, warum sie Musik hören“, sagt Wöllner.
Der Grund dafür, weshalb Musik unser emotionales Empfinden so stark beeinflusst, lässt sich mit der Wirkung von Musik auf unser Gehirn beantworten. Wie weiter oben bereits erwähnt, werden unter anderem Bereiche des limbischen Systems aktiviert, wenn wir Musik hören. Dieser Bereich im Gehirn ist hauptsächlich für unsere Emotionen zuständig. So können Emotionen ausgelöst, beeinflusst und sogar Gänsehaut beim Zuhörer verursacht werden. Außerdem kann sich Musik mit persönlichen Ereignissen verbinden. Wird sie wieder gehört, kommen auch die Erinnerungen an erlebte Situationen zurück, wie auch die dabei empfundenen Emotionen. Es können dabei alle möglichen Gefühle geweckt werden. Mal macht die Musik uns fröhlich, ausgelassen, versetzt uns in Partystimmung oder motiviert uns und gibt uns Kraft, mal stimmt sie uns eher sentimental, traurig oder sogar wütend.
In der Musikwissenschaft unterscheidet man zwei Prinzipien des Musikhörens, je nachdem, welche Strategie verfolgt wird. Wählen wir Musik, die zu unserer aktuellen Stimmung passt, so spricht man vom Isoprinzip. Manchmal wählen wir aber auch Lieder, die bestimmte Emotionen auslösen, die wir aktuell nicht empfinden, aber gerne empfinden möchten. In diesem Fall sprechen Musikwissenschaftler/innen vom Kompensationsprinzip.
Jüngste Forschungen in der Neurowissenschaft haben übrigens herausgefunden, wie das bestimmt jedem von uns bekannte “Gänsehautgefühlt” entsteht. Besonders intensiv erlebte Hörmomente lösen im mesolimbischen System, dem Nucleus accumbens, der einen wichtigen Teil unseres sogenannten “Belohnungssystems” darstellt, eine regelrechte Überflutung an Endorphinen aus, dem körpereigenen Glückshormon.
Die Wirkung von Musik auf den Körper
Musik hat also einen großen Effekt auf unser Gehirn und unsere Emotionen. Doch neben der subjektiven Wirkung auf unser Gefühlsempfinden, lassen sich auch objektiv messbare physiologische Veränderungen nachweisen. Musik verändert den Herzschlag und die Intensität des Pulsschlags. Sie beeinflusst den Atemrhythmus, den Stoffwechsel und den Blutdruck und somit auch die Gehirnaktivität. Außerdem wirkt sie sich auf die Muskelspannung und den Hormonhaushalt aus.
Je nach Musikart, werden verschiedenen Hormone ausgeschüttet. Bei lauten oder aggressiven Klängen, wird Adrenalin abgegeben und bei ruhigen, sanften oder auch fröhlichen Klängen wird das Hormon Noradrenalin ausgeschüttet. Letzteres bewirkt, dass die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol verringert wird und die Konzentration schmerzkontrollierender Betaendorphine erhöht wird. Somit können durch Musik sogar Schmerzen gelindert werden. Hören wir mit anderen Menschen zusammen Musik oder tanzen sogar zusammen, schüttet der Körper Oxytocin aus, das Bindungshormon. Dadruch wird unsere Verbindung untereinander gestärkt.
Auf Grund dieser zahlreichen positiven Effekte von Musik, die auf psychischer, sowie physiologischer Ebene wirken, wird Musik heutzutage gezielt in der Medizin eingesetzt. Ärzte und Therapeuten nutzen musiktherapeutische Maßnahmen hierbei vor allem in der Schmerztherapie, bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen und in der Rehabilitation von Alzheimer- und Schlaganfallpatienten ein.
Musik in der modernen Medizin
Das Anwendungsspektrum von Musik als therapeutische Maßnahme ist riesig. Bei Depressionserkrankungen, kann sie zum Beispiel genutzt werden, um die Stimmung aufzuhellen oder bestimmte Emotionen zu aktivieren. In der Schmerztherapie wird sie genutzt um chronische Schmerzen zu lindern und bei Menschen mit Demenz, kann sie helfen bestimmte Erinnerungen wieder hervorzuholen. Bei neurologischen Erkrankungen, wie beispielsweise Parkinson oder nach einem Schlaganfall, gibt es speziell entwickelte Musikprogramme, die dabei unterstützen die Motorik zu trainieren. Und in der Geriatrie kann sie ein wertvolles Hilfsmittel sein, da Musik wie ein Jungbrunnen auf das alternde Gehirn wirkt, weil beim Musizieren oder Musik hören neue Nervenverbindungen gebildet werden.
Doch Musik kann trotz all dieser positiven Aspekte auch negative Auswirkungen haben, die ich an diese Stelle nicht unerwähnt lassen möchte. “Musik kann dazu verleiten, Dinge zu tun, die man sonst nicht machen würde. Weil sie eine Gruppendynamik aufbauen kann, die einen dann entsprechend beeinflusst“, sagt Prof. Dr. Clemens Wöllner. “Musik, die im Krieg eingesetzt wird, ist da ein gutes Beispiel. Aber auch an anderen Stellen kann Musik dazu führen, dass man in der Gruppe die Hemmung verliert.” Dies kann zum Beispiel beim konsumieren von Drogen eine entscheidende Rolle spielen.
Welche Musik wirkt am besten?
Doch egal ob positiver oder negativer Einfluss, eine Frage bleibt noch offen: Welche Musik wirkt denn jetzt am besten? Welche Musik hellt die Stimmung auf, welche macht traurig oder sogar aggressive? Welche Musik steigert unsere Konzentration und müssen es immer komplexe Stücke sein oder reichen auch einfache Klangfolgen aus um die gewünschte Wirkung zu erzielen? Die Forschung zeigt, dass es darauf keine pauschale Antwort gibt. Welche Wirkung Musik auf uns Menschen hat ist ganz individuell unterschiedlich. Meistens ist es die selbst mitgebrachte Lieblingsmusik der Teilnehmer/innen, die in Studien den stärksten Effekt zeigt. Dabei spielt es keine Rolle um welche Musikrichtung es sich handelt, ganz egal ob Rock, Pop, Jazz oder Klassik.
Es liegt also nicht nur an der Musik selbst, was sie mit einem Menschen macht. „Beim Musikhören gibt es drei Facetten, die eine wichtige Rolle spielen“, sagt Wöllner. „Zum einen das klangliche Material selbst. Dann spielt die Person, die die Musik hört eine wichtige Rolle mit ihrem Hintergrund, ihrer Biografie. Und schließlich ist der Kontext wichtig, in dem man etwas hört. Ob man dabei alleine oder in einer Gruppe, zu Hause oder auf einem Konzert, auf der Arbeit oder im Feierabend am Badesee ist.“. Das gleiche Stück kann also bei zwei Menschen sehr unterschiedliche Reaktionen hervorrufen, sei es auf psychischer, emotionaler oder physiologischer Ebene. „Es ist diese Vielfältigkeit“, sagt der Musikwissenschaftler Clemens Wöllner, „die die Macht der Musik ausmacht.“